Wie viel Impfstoff darf rumliegen?

Wie viel Impfstoff darf rumliegen?

Es gibt gerade das große Geschrei, dass der AstraZeneca-Impfstoff zu langsam verimpft wird. Jetzt, zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, ist er gerade ein paar Wochen ausgeliefert, die Hohe Priorisierung für U65 ist aufgemacht worden und die ersten Lehrerinnen und Erzieher bekommen ihre erste Impfung. Ganz am Anfang der AZ-Impfungen also.

Und jede Zeitung, jeder Sender beschwert sich darüber, dass über eine Million Dosen ungenutzt rumliegen und dringend verimpft werden müssen. Und in den sozialen Medien, das gleiche Geschrei.

Alles schonmal da gewesen

Weißt Du, was lustig ist? Vor 8-9 Wochen hatten wir das gleiche Thema, damals mit Biontech. “Wir impfen zu wenig”, “Das Zeug liegt nur rum”. Und jetzt, 8 Wochen später: Alles vergessen.

Das ist ein Sturm im Wasserglas, was da gerade passiert ist nicht zu langsam, sondern eher schnell. Und hier kommt die Erklärung.

Was heißt geliefert?

Im internationalen Verkehr kann liefern alles heißen: In der Fabrik fertig gemeldet, in der Fabrik abgeholt, aufgeladen, nicht aufgeladen, an der Grenze, im Hafen, beim Kunden und so weiter. Die Möglichkeiten sind in den INCO-Terms standardisiert. Geliefert heißt, der Gefahrenübergang und die Verantwortung geht an den Kunden über. Für die Sicherung, den Transport, die Verzollung, die Lagerung.

Geliefert kann also einfach heißen, dass der Impfstoff beim Hersteller abgeholt wird. Damit ist er geliefert, aber noch lange nicht im Oberarm. Das dauert.

Geliefert kann auch heißen, es ist im Land (der Impfstoff wird ja vom Staat gekauft) und noch nicht verteilt.

Und der Transport?

Der Impfstoff muss erstmal aus dem Ausland nach Deutschland gebracht werden. Belgien und Italien sind die Herstellländer. Dann muss der Impfstoff auf die Bundesländer verteilt werden, denn die organisieren die Impfungen.

Dann muss der Impfstoff in die Impfzentren. Baden-Württemberg hat 9 Landesimpfzentren und 42 kommunale Impfzentren. Dazu wird, der Impfstoff von AZ auch von den Betriebsärztlichen Diensten der Kliniken verimpft. Da muss der Impfstoff überall erstmal hin. Das dauert. Sagen wir 4 Tage. Fahren, umladen, fahren, umladen, fahren.

Eine Woche Impfstoffe für eine großes Impfzentrum kann eine Person tragen. Das sind alles physisch kleine Mengen, natürlich werden die zusammengefasst.

Periodische Lieferungen machen auch Liegezeit

Und dann gibt es noch einen spannenden Effekt: Geliefert wird wöchentlich, geimpft täglich. Ich muss also in der Lieferung vom Montag den Stoff für die ganze Woche haben. Und die liegt dann rum. Was am Montag verimpft wird, liegt fast nicht rum. Dienstag einen Tag, Mittwoch zwei, Freitag vier und für Sonntag liegt der Impfstoff sieben Tage rum. Im Schnitt liegt etwas, das in Intervallen geliefert wird, ein halbes Intervall rum. Also eine halbe Woche. 3-4 Tage.

Puffer gegen Ausfälle - Termine einhalten

Sowohl bei Biontech, als auch bei AstraZeneca gab es Ankündigungen, dass Lieferungen ausfallen oder kleiner ausfallen werden. Das ist normal, bei allen Beteiligten wird mit wenig Puffer gearbeitet. Da kann es schon mal zu Problemen kommen, kleineren und größeren.

Die Impftermine werden etwas im vorraus vergeben. Zwei Wochen, manchmal mehr. Wäre doof, wenn dann kein Impfstoff da wäre, oder? Auch schon vorgekommen, es gibt Bundesländer, die Impftermine wieder abgesagt haben, weil sie zu knapp disponiert hatten. Schlimm? Nein, nur ärgerlich und für alle Aufwand.

Also müssen wir die Versorgung mit Impfstoff sicher stellen. Sagen wir, wir haben einen Wochenumsatz auf Lager. Dann halten wir eine Woche durch, oder zwei Wochen mit halber Liefermenge.

Und was heißt das?

Immer noch da? Zählen wir mal zusammen: 4 Tage Logistik, 3 Tage durchschnittliche Liegezeit wegen Lieferung jede Woche, eine Woche Puffer. Sind in Summe zwei Wochen Impfstoff auf Vorrat. Das wirkt viel, macht aber absolut Sinn.

A propos absolut, was macht das in absoluten Zahlen? AZ kommt gerade mit 650.000 Dosen pro Woche. Also 1,3 Mio Dosen für die zwei Wochen. Das klingt nach viel, in der Zeit passiert aber einiges mit dem Impfstoff, das darf nicht vernachlässigt werden.

Falsche Kennzahlen sorgen für falsche Empörung

In den Medien ist gerade der große Aufreger über die Kennzahl: Verimpfter Impfstoff zu Gelieferter Impfstoff. Kein Logistiker benutzt so eine Zahl, die ist Quatsch, sie sagt nicht über die Güte der Verteilung oder Verwendung aus. Denn:

Nach der ersten Lieferung ist die Zahl 0% Kein Impfstoff verimpft, aber einiges geliefert. WAHNSINN, WER REGIERT DENN DIESES LAND, WIE KANN MAN SO VERSCHWENDERISCH MIT IMPFSTOFF UMGEHEN. Quatsch, ein künstlicher Aufreger, weil das Impfen nach der Lieferung noch nicht angelaufen ist (Es kann ja auch noch auf dem Transport sein.)

Zwei Wochen später sind jetzt schon drei Lieferungen geliefert (von der Fabrik abgeholt) die ersten Menschen werden geimpft. Die Kennzahl ist schrecklich klein, 10 oder 15%, die Bundesländer haben große Unterschiede! Klar, eben war die Zahl noch null, jetzt etwas umgesetzt. Der Unterschied zwischen den Ländern ist, nüchtern betrachtet, vier bis sieben Tage Impfaktivität. Kleinkram.

Nach acht Wochen steigt die Kennzahl jetzt auf 75% an. Denn mittlerweile ist etliches Verimpft, einiges noch im Transport. Die Kennzahl hat sich verbessert, obwohl nichts unternommen wurde. Die Logistik dauert immer noch 4 Tage, der Wochenliefereffekt packt da 3 drauf, eine Woche Puffer. Immer noch “liegen 1,3 Mio Dosen rum”, quatsch, immer noch sind 1,3 Mio Dosen auf dem Weg von der Fabrik in den Oberarm. Aber im Vergleich zu den 6,5 Mio Dosen gesamt sieht das nicht mehr so schlimm aus.

Na endlich, hätten die Politiker gleich mal auf Journalisten und Twitter gehört, dann wäre das von Anfang an besser gelaufen. Klar, oder? Übrigens bei Biontech hatten wir die gleiche Empörungswelle, die gleichen Medien, die gleichen 84 Mio Bundestrainer und Chefvirologen waren 9 Wochen vorher der Meinung, dass Biontech zu langsam verimpft wird. Jetzt sieht das alles besser aus. Weil die dumme Zahl 80% zeigt und die Länder sich angeglichen haben. Ist da jemand erstaunt drüber?

Ganz ehrlich, als jemand, der sich mit Logistik und Lieferketten auskennt: 2 Wochen finde ich nicht so reichlich, das geht schon alles ganz schnell. Größere Lieferausfälle können wir uns da nicht erlauben. Und kleinere auch nicht, wenn man sieht, wie die geplanten Zahlen schon schwanken.

Legen wir die zweite Dosis zurück?

Ach ja, der noch: Zurückgelegte zweite Dosen. Der Abstand zwischen Erster und Zweiter Impfung mit AstraZeneca ist 9-12 Wochen. Niemand legt gerade auch nur eine Dose für die Zweitimpfung zurück. Das geben die Zahlen gar nicht her.

Ist alles gut?

Es ist nicht alles perfekt bei den Impfungen in Deutschland. Verstanden. Aber sucht Euch stellen aus, an denen man berechtigterweise kritisieren kann. Das hier ist jedenfalls keine.

Solange wir im Schnitt nicht mehr als 1,5 Mio Dosen AZ-Impfstoff zwischen Geliefert und Verimpft haben, läuft der Laden, nein, brummt der Laden. Hier wird gerade mit hohem Tempo gearbeitet.

Kann das noch verbessert werden? Logistik geht mit viel Geldeinsatz schneller, klar. Aber ist das notwendig? Wir könnten zwei- oder dreimal die Woche liefern. Das würde die Logisitkkosten verdoppeln oder verdreifachen. Ist das der richtige Weg? Und wir könnten weniger Puffer einkalkulieren. Wollen wir gemachte Termine absagen oder wollen wir uns drauf verlassen können?

Können nicht endlich die niedergelassenen Ärzte mitimpfen?

Die würden den “Berg” nicht abtragen. Es ist ja kein Berg, sondern Impfstoff im Laster auf dem Weg oder im Zentrum als Puffer, damit die Termine nicht platzen. Was hilft es uns statt 400 Anlaufstellen jetzt 30.000 zu versorgen? Das ist nicht die Lösung.

Die Zeit der Hausärzte kommt, aber nicht so lange die Impfstoff so knapp ist und die Priorisierung nicht weiter fortgeschritten ist.